Archiv für den Monat April 2009

Literatur-Cocktail 3

Nils Mohl

Kasse 53

2008 Achilla Presse 

 

Dies ist ein Buch,  da bin ganz sicher, dass auf autobiographischen Erfahren basiert. Eine Geschichte aus der Einkaufswelt. Held der Geschichte ist ein Kassierer, Ende 20, eben der Kassierer an Kasse 53 in der CD-Abteilung des „größten technischen Kaufhauses“ der Stadt, für den Leser unschwer erkennbar – Saturn in Hamburg –

Der Protagonist ist ein pfiffiger Kerl, er kombiniert die blassblauen Firmenhemden mit einer grellen Krawatte, und einer Kollegin erzählt er – ich studiere Enzyklopädie –

Das ist ja ganz schön heftig aufgetragen, stimmt aber auch irgendwie. Er ist ein Einzelhandelsenzyklopädiker, ein Kundenethnologe. Er begrüßt die Kunden, regristiert, analysiert und verabschiedet sie. Wenn er fragt „möchten Sie eine Tüte oder geht das so mit“ gehen iihm ganz andere Gedanken durch den Kopf

Das ist manchmal amüsant, manchmal traurig,  heiter bis deprimierend – so ein Tag an der Kasse kann sehr lang sein. Der Text bietet einen hohen Wiedererkennungs-, und daher Unterhaltungswert. 

Die Geschichte hat keinen dramatischen Höhepunkt. Der Autor bietet ein sachlich-ironisches Einzelhandelslexikon.  Mohl stellt ganz bewusst schablonenhaft etwas  Alltägliches dar, dessen Routine doch beängstigt.

Mich hat dieses Buch an  den „Büroroman“,einen Roman von W. E. Richartz erinnert, der vor Jahren erschienen ist.

Gute, leichte Lektüre



Andreas Münzner

Stehle

2008 Liebeskind Verlag

 

Besuch macht zweimal Freude – wenn er kommt, und wenn er geht“

 

Hier hat einer überhaupt nicht die Absicht zu gehen. Eben Stehle, der doch zweifelhafte Held dieses Romans. Stehle kommt aus der Schweiz, und will für ein paar Nächte in einer Hamburger WG übernachten. Die Bewohner sind junge Leute mit gutem Einkommen., die schon häufiger Kurzzeitgäste hatten.

Stehle ist hilfsbereit, ordentlich, vielleicht etwas seltsam aber liebenswert.

Robert, er ist die zweite Hauptfigur, bemerkt dann allerdings einige Veränderungen in der WG, die ihn doch irritieren. Stehle leiht sich nicht nur Kleidungsstücke der anderen aus, ungefragt natürlich, er färbt eine geborgte Hose schon mal um . Es tauchen fremde Leute in der WG auf, Stehle hat einen Obdachlosen mitgebracht, damit der mal warm duschen kann. Nächstenliebe , in Ordnung denkt Robert. Stehle besitzt Charme, den Charme eines Unschuldlamms, eines Clowns. Er ist halt ein bisschen anders. Feste Arbeit ödet ihn an, und er fährt dann für ein paar Tage in die Schweiz, um eine Wiese zu besuchen. Als er dann zurückkommt, unterhält er Roberts Freundin so blendend, dass Robert doch langsam stutzig wird. Stehle ist doch schon sehr in sein Leben eingedrungen. Die WG löst sich dann auch auf, aber Robert kann Stehle nicht allein stehen lassen und bietet ihm ein Zimmer in seinem neuen Apartment an. Roberts Freundin hat ihn inzwischen auch gegangen. Robert verliert schließlich seinen Job, seine Wohnung, und muss sogar sein Hotelzimmer gegen Stehle verteidigen.

Stehle ist die Art Held, der einerseits nervt, andererseits fasziniert, ein Tunichtgut ein charmanter Halodri.

Robert ist da schon fragwürdiger. Sein wohlgeordnetes, pragmatisch geführtes Leben erweist sich als brüchig. Er steht nicht zu seinem Lebensentwurf, er wirkt teilnahmslos, er ist eine traurige Gestalt im Vergleich zu dem genießerischen Stehle.

Die Stärke dieses Romans sind die kleinen Dinge. Münzner schildert viele Begebenheiten, die für sich genommen nicht so schwerwiegend sind. Und dann ist das Groteske fast normal. Der Autor hätte daraus auch eine tragische Geschichte machen können. Glücklicher Weise hat er es nicht getan. 


Cocktail Nr.2

Andrea Maria Schenkel  


Bunker

2009 Edition Nautilus



 

Nach „Tannöd“ und „Kalteis“ ist dies der dritte Kriminalroman von Andrea Schenkel.

Die Geschichte

Eine junge Frau wird an ihrem Arbeitsplatz überfallen und verschleppt. Der Täter bringt die junge Frau in eine alte Mühle , in deren Nähe er früher gewohnt hat. Zu dieser Mühle gehört auch ein Bunker. Die Autorin schildert zunächst recht ausführlich die Qualen der Entführten. Die verbundenen Augen, die Stricke, die Schläge, die Brutalität des Entführers, die Erde des Bunkers, nasskalt und glitschig. Schließlich fordert der Entführer den Tresorschlüssel, den Monika, so heißt die junge Frau, gar nicht hat.

Dann wird’s merkwürdig, bizarr. Die Entführte hat die Chance zu fliehen, vermasselt es aber, und es entsteht eine Art Komplizenschaft zwischen den Täter und Opfer. Man plant, den Chef gemeinsam zu überfallen.

Das ist dann doch recht sonderbar. Die Sprache der Autorin ist recht kalt und der erste Teil ist ziemlich grausig.

Der Roman wird immer aus verschieden Perspektiven erzählt, sowohl aus der Täter- und der Opfersicht. Dazu gibt es eine dritte Stimme, die immer ein Stück voraus scheint.

Die Konstruktion wirkt etwas holprig, auch scheint die Geschichte für solch einen schmalen Band überladen.

Das ist dann auch mein Problem mit diesem Buch. Sehr viel Stoff, erzählt aus 3 Sichtweisen mit einem für mich unbefriedigendem Ende.





Kai Weyand

Schiefer eröffnet spanisch

2008 Wallstein

 

Ich könnte ja sagen, dies sei ein Buch für Weintrinker. Denn getrunken wird in diesem Buch sehr viel. Die Geschichte spielt im Badischen. Deshalb eben Wein und kein Bier.Es geht aber nicht um Wein, sondern um Schule.

Der Ich-Erzähler ist ein Privatdetektiv, der in seiner Stammkneipe gegen seinen Schachcomputer spielt. Eines Tages trifft er auf Schiefer, der ihn zu einer Schachpartie herausfordert. Die Herren stellen fest, dass sie beinahe Nachbarn sind, und so treffen sie sich regelmäßig zum Schachspiel im „Schmalen Wurf“, so heißt das Lokal.  

Schiefer ist ein frühpensionierter Lehrer, der einen Untermieter aufgenommen hat, da er sich seine Wohnung sonst nicht mehr leisten kann.

Allerdings ist Theo Mai, der Untermieter, ein Junglehrer der gerade seinen Dienst antritt. Für Schiefer ist das eine Horrorvorstellung, sieht er doch sein eigenes, wenig ruhmreiches Schicksal vor Augen. Schiefer entschliesst sich zu einem Experiment. Er versucht möglich alles über Theo Mai zu erfahren. Ziel dieses Unternehmens : Bin ich, Schiefer gescheitert aus mangelnder Qualifikation, oder bin ich ein Opfer des Systems. Und ergeht es anderen, wie Theo Mai, genauso wie mir.

Lehrer müssen jetzt nicht aufschreien.

Der Autor praesentiert  gescheiterte Existenzen und hat überhaupt nicht die Absicht, einzelne Schuldige zu finden.

Die Beobachtungmethoden werden immer irrwitziger, bis Schiefer und der Detektiv schließlich Theo Mai in ihre konspirativen Aktivitäten einweihen.

Der Text beobachtet haarscharf die Situation an deutschen Schulen und ist äußerst amüsant zu lesen.   

Der 3. Literaturcocktail

den Kollege Dieter Dollau am letzten Samstag geöffnet hat, fand wieder großen Zuspruch.

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Damit auch alle, die keine Zeit hatten, in den den Genuss seiner Besprechungen kommen, werden sie hier in den nächsten Tagen dokumentiert.

Beginnen möchte ich mit einem Titel, bereits häufig besprochen wurde und den sie vielleicht bereits gelesen haben. Daniel Kehlmann neuem Roman Ruhm. Kehlmann gehört ja seit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ von 2005 zu den Stars, populären Schriftstellern des Literaturbetriebs.

„Ruhm“ ist kein richtiger Roman, sondern es sind neun Geschichten, die durch verschiedene Personen zusammengehalten werden.

In der ersten Geschichte geht es um einen Techniker, Ebling mit Namen, der sich eher widerwillig sein erstes Handy gekauft hat. Und dann wird er auch angerufen, angerufen von Menschen die er gar nicht kennt, und die ihn auch noch für einen anderen halten, für den Schauspieler Ralph Tanner. Offensichtlich ist die Telefonnummer 2mal vergeben worden. Als Ebling bei der Hotline anruft, erhält er aber eine klare Abfuhr. Das kann nicht sein, so etwas gibt es nicht.

Also nimmt Ebling die Rolle des Ralph Tanner an, und er gerät in eine Welt der Medien, Agenturen, Tanners Frauengeschichten. Ebling fühlt sich gut, ist fast süchtig, fürchtet aber aufzufliegen, nicht mehr angerufen zu werden.

Neue Technik, wie Handy und das Internet spielen eine wichtige Rolle. Kehlmann beschreibt das furios in der Geschichte „Ein Beitrag zur Debatte“, in der die Welt der Chatrooms, Mailboxes, herrlich aufs Korn genommen wird.

Kehlmann spielt mit der Sprache und mit seiner Rolle als Autor.

Lesenswert


Alan Bennett

Die souveräne Leserin

2008 Wagenbach

Die Corgies sind schuld. Die Hunde der Queen laufen in den Bücherbus, der hinter dem Palast parkt. Und die Queen hatte sich verpflichtet gefühlt, ein Buch auszuleihen. Wenn sich die Queen durch etwas auszeichnet, dann durch Pflichtbewusstsein. Und so hatte sie das Buch nicht nur gelesen, sondern sich am nächsten Mittwoch ein neues ausgeliehen. Diesmal eine leichtere Lektüre als beim ersten Mal. Und sie hatte Norman getroffen, der in der Küche arbeitete , aber offensichtlich viel von Büchern verstand. Ein so heller Kopf als Küchenjunge ?

Kurzerhand wird Norman zum persönlichen Pagen der Königin befördert, um sie mit der entsprechenden Lektüre zu versorgen. Und das ist erst die erste einer Reihe von Veränderungen, die der Hofstaat misstrauisch beobachtet.

Nichts ist mehr wie vorher. Die Gespräche mit den Besuchern verändern sich. Nicht mehr die Art der Anreise ist gefragt, sondern die Queen befragt ihre Gäste nach der aktuellen Lektüre. Selbst bei Staatsgespächen wird jetzt über Literatur gesprochen.

Der Hofstaat ist sich einig – eine lesende Königin , dagegen muß etwas unternommen werden.

Absolut köstliche Lektüre

Aus der „Hexenküche“…

Ja zur Zeit sind wir ziemlich beschäftigt. Montag war Netzwerktreffen vom „Haus der kleinen Forscher“. Der Forschertag am 16. Juni in der Stadthalle Friedeburg unter dem Motto „Sonne, Mond und Sterne“ nimmt langsam Gestalt an: vom Brennglas bis zur Sonnenfinsternis gibt es eine Menge Anschauliches für die Fünfjährigen der Stadt. Wir erwarten an diesem Vormittag 240 Kinder! Die Stadtbücherei ist als Koordinatorin mittendrin. Gleich danach, Montagabend erfuhren die Tagesmütter Einiges über dieses Projekt beim Vortrag „Neugierig auf die Welt“. Er wird heute Abend vor Kindergarteneltern wiederholt.

Gestern hatte wir gleich zwei Termine: eine Lesung mit Kinderbuchautorin Regine Fiedler im Theater Fatale und am Abend die zweite Veranstaltung unserer neuen Reihe „Menschen brauchen…“. Wir hatten Pastor Braje aus Burhave zu Gast. Er berichtete über die Arbeit der Notfallseelsorge: „Menschen brauchen Trost“.

Und am Samstagnachmittag um 15 Uhr serviert unser Kollege Dieter Dollau wieder seinen alljährlichen „Literarischen Cocktail“ zu Bellestristik-Neuerscheinungen der letzten Zeit.

Kein Wunder, dass wir nicht zum Bloggen kommen…
 

Wir wünschen allen Leserinnen & Lesern

dieses Blogs ein frohes Osterfest! Ab nächster Woche gibt es dann wieder mehr an dieser Stelle.

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Dieser Dienst hat uns schnell überzeugt. All unsere Dienste (Neuzugänge über Librarything, DeliciousTwitter und last not least dieses Blog) werden hier zusammengeführt.

Wir raten dazu, sich mit Webtools wie RSS vertraut zu machen. Ob das Dauergezwitscher über Twitter sich durchsetzt wird sich zeigen, aber RSS ist inzwischen Standard! Kaum ein Gymnasiast kann damit übrigens etwas anfangen, obwohl „die doch dauernd am PC hängen“.

Wir werden in Kürze wieder einen Kurs dazu anbieten.

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