Literatur-Cocktail 4

Lyrik von jetzt 2

Hrsg. von Björn Kuhligk und Jan Wagner

 

Dieses Buch möchte ich Ihnen kurz vorstellen. Lyrik von jetzt 2 ist die Fortsetzung einer im Jahr 2003 erschienen Sammlung. Es sind aber alles neue

Autoren. Die Herausgeber haben eine Orientierungslinie gesetzt . Das Geburtsjahr 1975 roundabout ist das Kriterium jung für die Herausgeber. 50 Stimmen steht im Untertitel. Die Sammlung zeigt die Vielstimmigkeit und Vitalität der jungen Lyrikszene. Spannend finde ich, dass die Gedichte trotz der Betonung auf Neu und jetzt sowohl sprachlich als inhaltlich ganz festen Kontakt zur Tradition halten.

Ich hab in einer Kritik gelesen „ es faunt und flort“ heftig in den Gedichten. Es sei ein bisschen viel Wald in den Texten. Ich muss allerdings sagen, ich finde das unfair und sprachlich  eher flapsig unangebracht. 

Von den Autoren kenne ich nicht sehr viele. Nora Bossong, die aus Bremen stammt und auch Erzählungen und Romane veröffentlicht hat, oder Ann Cotton, die schon häufiger in den überregionalen Zeitungen besprochen wurde. Die Gedichte sind eine Entdeckunsreise. Seien Sie einfach mutig. Es lohnt sich.








Anett Gröschner

Parzelle Paradies – Berliner Geschichten

2008 Edition Nautilus

 

Wenn schon Provinz, dann wenigstens die Hauptstadt

 

Anett Gröschner ist ein Berliner Autorin, der Anfang der 80ger Jahre aus Magdeburg nach Ostberlin gekommen ist. Und seitdem streift sie durchs Gelände, sozusagen. Dies ist eine Sammlung meistens kurzer Texte, Momentaufnahmen sozusagen, Berlin abseits. Die Texte sind zum Teil in der Wochzeitung „Freitag“ erschienen. Es gibt Beobachtungen an Bushaltestellen,  Geschichten aus der Kleingartenkolonie, und Kneipengeschichten. Die Autorin erzählt dabei auch selbstironisch von den eigenen Abstürzen . Prenzlauer Berg und Ostberlin bestimmen die Themen dieses Bandes. Prenzlauer Berg ist ja so was wie das Testlabor der Berliner Republik. „Nach der Wende strich ich durch die Hinterlassenschaft eines verschwunden Staates. Es war fast eine Sucht, noch einmal alles festzuhalten, was morgen unweigerlich verschwinden würde. Es wird aber nie sentimental, keine Ostalgie, vielmehr ist der Ton auf Distanz bedacht, es wird mit viel Humor erzählt, manchmal wird’s sarkastisch.

Es gibt zwei etwas längere Texte. Da geht’s dann um ehemalige Zwangsarbeiter in der Schulthaus-Brauerei, heute die Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, und  in dem anderen Text beschreibt sie eine Reise in die Schorfheide zu Görings ehemaligen Landsitz Carinhall.

 

Anett Gröschner : Zu DDR Zeiten hatte ich ein tiefes Misstrauen gegen den Brandenburger Wald. Hinter jeder Kieferschonung war – Militärisches Sperrgebiet, Betreten verboten, Zuwiderhandlungen werden bestraft

.

Berlin ist halt ein historisches Grabungsfeld, und Anett Gröschner weiß viele spannende,  verborgene Geschichten zu erzählen.

.

 





Wiebke Eden

Die Zeit der roten Früchte

2008 Arche Verlag

 

 

Hätte man Greta nach dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben gefragt, sie hätte ohne Zögern „der Vater“ gesagt.

 

Der Anfang ist ländliche Idylle. Ein Sommer in der Nähe von Stettin 1939. Greta, die Protagonistin des Romans, ist 20 Jahre jung , lebens- und liebeshungrig. Im Garten wachsen Erdbeeren, Himbeeren und Kirschen. Die Zeit der roten Früchte. Greta arbeitet in einem Ausflugslokal, wo sie Pfannkuchen bäckt. Und da lernt sie auch Johannes kennen.

Der würde sie auch heiraten, will sie heiraten, doch Greta sagt noch nicht ja. Aber dann ist Krieg, September 1939, Johannes wird Soldat und Greta ist schwanger. Aber Greta will nicht heiraten, auch als die Familie ihren Zustand entdeckt  und sie bedrängt. Greta verschweigt Johannes, dass sie ein Kind bekommt. 

Greta bringt ein Mädchen zur Welt. Ein Mädchen, mit dem sie nicht viel anfangen kann. Das wird dann auch von der Großmutter großgezogen. Greta hat die Stelle im Lokal verloren, die Chefin war moralisch empört. Aber es ist Krieg, die Männer fehlen und Greta fängt als Straßenbahnschaffnerin an. Und da lernt sie auch einen Mann kennen, bei dem bleiben könnte.

 

Diese Greta ist eine recht widersprüchliche Hauptfigur. Einerseits lebt sie gegen die Konvention der damaligen Zeit, bekommt ihr Kind, heiratet den Vater aber nicht. Sie wirkt irgendwie sprachlos, manchmal sogar einfältig. Allerdings, und das fasziniert dann wieder – Greta entwickelt eine Beharrlichkeit, sie will sich in kein System pressen lassen, egal welches.

Wenn sie auch nicht weiß, wo sie hin will, wo sie nicht hin will, weiß sie sehr genau.

 

Wiebke Eden stammt übrigens aus Jever, lebt jetzt aber in Berlin.

 

 





Jan Koneffke

Eine nie vergessene Geschichte

2008 DuMont Verlag

 

Ein Roman, einer der über das 20. Jahrhundert erzählt, ein Familienroman. Die Großeltern sind gestorben. Tödlich verunglückt auf dem Weg zu einer Beerdigung. Mercedes gegen Goggomobil 1968. Das ist die Rahmenhandlung  und der Enkel erzählt nun die Familiengeschichte,  die , wie in jeder Familie Geheimnisse birgt, die nicht erzählt werden sollen. Wie das Geheimnis um Großonkel Felix. Der Hauptteil des Romans beginnt 1898 mit der Geburt von Felix Kannmacher. Die Kannmachers leben in Freiwalde, einer Kleinstadt in Pommern. Friedrich, Ludwig, Julius und Felix. Die Söhne des Ehepaares Leopold und Clara Kannmacher.

Leopold ist ein Studienrat, der sich mehr für Immanuel Kant beschäftigt als mit seiner Familie und sich mit den Jahren immer häufiger in sein Studierzimmer zurückzieht. Clara, die Mutter, mag Freiwalde nicht, sie vermisst Stettin und das Theater und die Konzerte. Deren Bruder Alfred kämpft  in Afrika  gegen die Hereros,  wird nach dem 1. Weltkrieg Mitglied eines Freikorps und 1933  ein fieser Nazi. Clara lässt sich von Alfreds deutsch-nationaler  Hysterie anstecken. Die Familie erleidet einige harte Schicksalschläge. Julius ertrinkt , und Friedrich fällt im ersten Weltkrieg. Clara verweigert sich dieser Realität und verfällt dem Wahn.

Ludwig und Felix verlieben sich in die Apothekentochter Emilie , die sich für Ludwig entscheidet. Felix soll dann deren Schwester Alma heiraten. Kurz vor der geplanten Doppelhochzeit schließt sich Felix einem Konzertpianisten an und verschwindet. Das er Pianist werden würde, hatte ihm schließlich eine Wahrsagerin prophezeit.

 

Ludwig und Emilie sind die Toten aus dem Goggo.

 

Alma ist der Familiendrachen, für L. und E. eine echte Plage.

 

Natürlich kommt der Enkel kommt dem Leben des verschwunden Felix  auf die Spur.

Koneffke liefert ein gelungenes Panorama der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Grossartiger Geschichtenerzähler.

 

 


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