Literatur-Cocktail 6

Julia Schoch

Mit der Geschwindigkeit des Sommers

2009 Piper Verlag

Julia Schoch ist eine junge Autorin, geb 1974 in Bad Saarow in Brandenburg. Neben der Veröffentlich eigener Texte arbeitet sie auch als Übersetzerin. Sie übersetzt die Krimis der französischen Autorin Fred Vargas.

In New York hat sich die Schwester mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Genauer gesagt, um auf diskrete Weise Selbstmord begehen zu können, ist sie ins für sie völlig anonyme Amerika gefahren.

„Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ erzählt Julia Schoch die Geschichte zweier Schwestern in der DDR , die in einer Garnisonsstadt an der polnischen Grenze aufwachsen. Von der Armee aus dem Boden gestampft, eine „Goldgräberstadt“ für die Schwestern ein furchtbares Kaff. Nach der Wende verwaist der Ort. Während die eine Schwester, die Erzählerin, stimmt nicht ganz, diesen Ort verlässt, bleibt die andere auf dem Abstellgleis der ostdeutschen Provinz hängen.

Nach der Wende ist da erst Jubel, dann Gleichgültigkeit und Frust, zuletzt nur noch Leere.

Schochs Figuren haben keine Namen. Alle Personen , aber auch die Orte bleiben seltsam anonym. Schon die Schilderung des Ortes am Stettiner Haff, ein verlorener Flecken, den die DDR als Militärstützpunkt entdeckt. Plattenbauten, Kindergärten, Schule, Kaufhalle, einfach nur trostlos. Und als nach der Wende die Bagger dieser Hinterlassenschaft zu Leibe rücken, sieht es aus wie zu Beginn – grauer Beton, Schutt, Müll.

Ein Leben ohne Perspektive. Und nach der Wende – die Reisemöglichkeiten, die Veränderungen, die neuen Farben, sind für die Schwester bedeutungslos. So wie das Verhältnis zu ihrem Liebhaber, einem Ex-Soldaten.

„Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ besticht durch seine Atmosphäre. Ihre strengen Sätze strahlen etwas bezwingend Selbstverständliches aus.

Man hat ja manchmal das Verlangen nach dem Leben auf einer einsamen Insel. Die Insel, auf die man schöne Dinge mitnimmt. Das liebste Buch, die beste Musik. Hier ist es anders. Hier wird die Insel zum Sperrgebiet.

Das Sperrgebiet dieses Romans heißt Eggesin in Mecklenburg. Julia Schoch hat dort ihre Kindheit und Jugend verbracht. Ihr Vater war Offizier der Nationalen Volksarmee.



Uwe Tellkamp

Der Turm

2008 Suhrkamp Verlag

Ein Schwergewicht, wie gesagt.Die Jahre 1983 bis 1989 in Dresden.Lektüre begonnen, schwer reingekommen in diesen fremden Planeten DDR.

Noch eine Bemerkung zum Titel Der Turm Im Roman gibt es eine Turmstraße, deshalb Turmstrassenviertel. Das ist ein Villenviertel in Dresden. Die Bewohner nennen sich die Türmer.Wortspiel türmen, getürmt sein , abhauen , sich davon machen.

Turmgesellschaft im „Wilhelm Meister“ von Goethe. Auch Buddenbrooks fallen einem ein.

Das tun die Personen in dem Roman auch. Sie haben sich abgefunden mit der DDR und leben in ihrer eigenen Welt. Bürgerliches leben, Bildungsbürger. Nach Politbüro gabs das gar nicht in der DDR.

Die Familie Hoffmann und ihr Umfeld sind die Protagonisten im Turm.Richard Hoffmann ist ein erfolgreicher und beliebter Chirurg an der Dresdener Klinik.Meno Rohde, sein Schwager, ein Naturwissenschaftler, der als solcher nicht arbeiten darf, verdient sein Geld als Verlagslektor, interessiert sich aber fast nur noch für seine privaten , biologischen Studien.Und Christian Hoffmann, Anne und Richards Sohn, der auch Medizin studieren möchte, voresrst aber seinen Militärdienst ableisten muß.

Richard wird von der Stasi bedrängt, die wissen von seinem unehelichen Kind. Eigentlich kein Grund , denn nichteheliche Kinder gabs auch in der DDR in den Achtzigern. Meno , irgendwie zwischen den Stühlen. Er ist ein Kind der „roten Aristokratie“, seine Eltern waren im Moskauer Exil. Meno hat Zugang zum Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura, die Parteielite sitzt. Aber er will sich mit den Dingen des Alltags nicht mehr beschäftigen.

Christian wird Panzerkommandant in der Armee, aber er ist ein Außenseiter, ein Bürgerlicher.Als er den Fehler eines Vorgesetzen mit dem Satz „ In diesem Scheißstaat klappt nichts“ kommentiert, wird er in die Karbidproduktion eines Chemiewerks strafversetzt.

Tellkamp lässt seine Außenseiter aus dem Turmviertel in sehr unterschiedlichen Millieus agieren, der Klinik, der NVA, das Verlagswesen der DDR und seine literarische Zirkel, die Leipziger Messe und die Zensurbehörde. Es sind die Dialoge und Gespräche der vielen in diesem Milli zu Wort kommenden Personen, die den Roman sprachlich reich und immer wieder spannend machen. Die wörtliche Rede, im Dialekt, in verknappter Umgangssprache oder in akkuratem Hochdeutsch, das ist Uwe Tellkamps Stärke.

Kleine Randbemerkung : Vorbild für die Figur Arbogast ist der Forscher Manfred v. Ardenne.

Der Turm ist die gelungene Darstellung eines Panoramas einer zu Ende gehenden Zeit.Mit dem Ende der DDR endet auch das Ausnahmeleben auf dem Turm.

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