Archiv des Autors: dieterdollau

John Vaillant : Der Tiger

John Vaillant

Der Tiger

2010 Blessing Verlag

Ein Thriller der anderen Art. Tatort, die russische Taiga ; das Opfer, Wladimir Markow, ein Wilderer ; der Täter, ein Tiger.

Eine Geschichte mit drei Hauptfiguren.

Die Geschichte eines Raubtiers, das offenbar überlegt und mit voller Absicht handelte, um einen Menschen zu töten, eben jenen Wilderer Markow. Und die des Wildhüters Juri Trusch, der den Tiger, ein Kraftpaket von 4m Länge und 300 Kilogramm schwer, schließlich zur Strecke brachte.

Dies geschah im Dezember 1997 im „fernen Osten“ Russlands, in Primolje, der Region um den Fluss Amur an der Grenze zu China. In dieser einmaligen Landschaft, wo im Winter Minus 40 Grad herrschen und das Eis auf dem Fluss meterdick ist, prallt das Reich des Amurtigers auf das des Menschen.

Die Bewohner, hauptsächlich Fischer und Holzfäller, leben mit dem Tiger. Sie respektieren ihn als den Herrscher des Waldes. „Wenn du den Tiger entdeckst, hat er dich schon längst gesehen.“

Allerdings nimmt die Jagd auf den Tiger, das Wildern, erheblich zu, denn das Leben in der Region  ist kaum vorstellbar hart und die Händler aus China zahlen hohe Preise.

John Vaillant hat ein hier ein spannendes Buch vorgelegt.

Ich kenne Tiger nur aus dem Zirkus. Auf der einen Seite der Tiger, auf der anderen Seite ich ; dazwischen ein hohes Gitter. Nach der Lektüre von John Vaillant – Der Tiger –  wird das auch so bleiben.

Don Winslow : Tage der Toten

Don Winslow

Tage der Toten

2010 Suhrkamp

Ein spannendes Buch, ein aufrüttelndes Buch. Eine schwierige Lektüre. Die Story beginnt 1973, der Spezialagent Art Keller wird von der neuen Drogenbekämpfungsbehörde DEA als Fahnder in die mexikanische Provinz Sinaloa beordert. Nach zwei Jahren erfolgloser Arbeit lernt Keller die Brüder Adan und Raul Barrera kennen, die Söhne des wichtigsten Polizeioffiziers in Sinaloa. Die Männer verbünden sich im Kampf gegen die Opiumbauern und zerschlagen das Drogenimperium von Don Pedro Aviles, der dabei erschossen wird. Leider muss Keller erkennen, dass die Barreras Don Pedro nur deshalb gestürzt haben, um selbst die Führung eines neuen Drogenkartells zu übernehmen. Mit Flugzeugen gelangen riesige Mengen Kokain aus Kolumbien nach Mexiko, von wo aus sie über die Grenze in die USA geschmuggelt werden. Es ist der Beginne eines jahrzehnte langen Kampfes, bei dem es nur Verlierer geben kann.

Die Handlung umspannt einen Zeitraum von fast dreißig Jahren und Don Winslow entwirft ein blutiges Panorama des von Präsident Nixon ausgerufenen „War on Drugs“, der bis heute andauert. Neben den Hauptfiguren Art Keller und den Barreras gibt es viele weitere Charaktere, die bis in die kleinste Nebenfigur vielschichtig und glaubwürdig dargestellt werden. Don Winslow gliedert nicht in „Gut“ und „Böse“ , er zeichnet Figuren mit Gefühlen , selbst Drogenbosse und Mafiakiller.

„Tage der Toten“ ist ein Roman von beängstigender Realitätsnähe, düster und brutal. Ein Ausnahme-Thiller.

Oelker Die Nacht des Schierlings

Petra Oelker

Die Nacht des Schierlings

2010 Rowohlt Verlag

Der Tote, Bruno Hofmann, Konditormeister, zählte nicht gerarde zu den beliebtesten Bürgern der Hansestadt. Er war doch mehr Lebemann und Genussmensch. Aber war er wirklich ein Mitgiftjäger und Betrüger ? Viele Hamburger hatten gute Gründe , ihn zu hassen. Der Apotheker vom Opernhof, der junge Graf mit der fragwürdigen Vergangenheit, oder der stumme Akrobat Muto. Wollte auch Claas Hermanns den Konditor lieber tod als lebendig sehen, der so überraschend in die Runge’sche Konditorei am Rödingsmarkt eingeheiratet hatte  ?

Die Gerüchteküche brodelte, der Tod des Konditors war in Windeseile Stadtgespräch. War er betrunken ins Fleet gestürzt ? Oder stimmte es wirklich, das in seinem Rücken ein Messer steckte ? In Hamburgs Strassen und Gassen herrscht das Gerücht , es habe Streit gegeben zwischen Konditor Hofmann und Claas Hermanns, Streit wegen Molly, Hofmanns Stieftochter, die während Anne Hermanns Reise auf die Jersey-Inseln im Haushalt von Claas Hermanns gearbeitet hatte. Auch wenn er nie eine Affäre mit Mamsell Runge hatte, die üble Nachrede klebt wie Pech an Claas Hermanns.

Rosina Vinstedt wäre lieber ihrer wahren Passion, dem Theater, nachgegangen, zumal die Becker’sche Komödiengesellschaft gerade in der Stadt gastierte. Aber da ist dieser ungeheuerliche Verdacht gegen ihren Freund Claas Hermanns, und so macht sich die Komödiantin Rosina zusammen mit Weddemeister Wagner auf die Suche nach dem wahren Mörder.

Denn es gibt tatsächlich jemanden, der sein Geheimnis nicht durch einen Menschen wie Bruno Hofmann zerstören lassen will. Und wie wenig fehlte , um den Schierlingsmord auf ewig unaufgeklärt zu lassen.

Petra Oelker liest am 25. Februar 2011 auf Einladung von LiteraturPlus Wesermarsch in der Reihe „Angst im Amtsgericht“ im Amtsgericht Nordenham. Beginn 19 Uhr 30

Michaela Murgia : Accabadora

Michaela Murgia

Accabadora

2010 Wagenbach Verlag

 

Ein Buch aus einer eigenen Welt. Auf Sardinien herrscht folgender Brauch – ein Kind, dessen Eltern zu arm sind um gut dafür zu sorgen, wird zu einer kinderlosen Frau oder einem kinderlosen Paar gegeben. Es hält zwar weiterhin Kontakt zu der eigenen Familie, wächst aber bei der Ziehmutter auf. Zuneigung ist entscheidend, es gibt keine behördlichen Formalitäten.

 

Die kleine Maria ist sechs Jahre alt, als ihre verarmte Mutter sie zu Bonaria Urrai gibt, der alten Schneiderin. Maria hat nun ein eigenes Zimmer, und sie darf die Schule besuchen, viel länger als ihre älteren Schwestern. Mit Bonaria kommt Marie gut aus. Doch die immer schwarz gekleidete Frau hat ein Geheimnis. Manchmal verlässt sie nachts das Haus, und Maria darf nicht einmal fragen, wohin sie geht. Aber Maria findet es heraus …

 

Eine Geschichte voller Riten, voller Aberglauben. Und dies ist kein historischer Roman, die Geschichte spielt in den 60ger Jahren des 20. Jahrhunderts. Das archaische Landleben Sardiniens trifft auf das moderne Italien. Michaela Murgia erzählt eine ungewöhnliche Mutter-Tochter Geschichte. Sie flüstert einem in ihrer wunderschönen Sprache Geheimnisse zu. Ein besonderes Buch.

Noch ’ne Nachlese

Gerbrand Bakker

Oben ist es still

2008 Suhrkamp Verlag

Eine Vater-Sohn Geschichte. Ein Vater-Sohn Konflikt. Eine Geschichte der Befreiung .

Helmer von Wolderen ist seit 30 Jahren Bauer auf dem Hof seines despotischen Vaters. In Helmers überschaubarer Welt existieren ein paar Kühe, 23 Texel-Schafe, 2 Esel ohne Namen, eine Nachbarin und deren Söhne.

Die Arbeit eines Bauern erinnert ja ein bisschen an Sysyphus, alles wiederholt sich ewig aber nichts ändert sich wirklich. Nicht einmal wegfahren kann man.

Eines Tages fasst Helmer den Entschluß, sein leben zu ändern. Er schafft seinen Vater in den ersten Stock, und richtet sich sein Leben neu ein.

Eigentlich hätte Helmers Bruder Henk den Hof übernehmen sollen, doch der ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der Vater hatte Riet, Henks Frau, vom Hof gejagt, da sie den Wagen gesteuert hatte. Helmer musste auf Anweisung des Alten Bauer werden, Bauer wider Willen“

„ Ich wurde Vaters Junge“ heisst es lapidar und Helmer fügt sich in sein Schicksal. Durch den Tod des Bruders verliert Helmer fast 30 Jahre eine eigene Identität.

Und dann kommt der Brief von Riet.

Gerbrand Bakker erzählt seine Geschichte in einer knappen Spache. Helmers Leben auf dem Hof wird trotz aller Sparsamkeit poetisch schön und fast anrührend erzählt. Bakker gelingt es , mit verhaltenem Humor zu zeigen, was alles zum Leben gehört. Und Helmer schließlich zu der Einsicht bringt, was ihm wirklich fehlt.

Nachlese zum Literatur-Cocktail

Vikas Swarup

Rupien ! Rupien !

2009 Kiepenheuer & Witsch

Vielleicht haben sie ja die Oscar-Verleihungen gesehen And the Winner is „Slumdog Millionair“ .

Dieser Roman „Rupien, Rupien“ von Vikas Swarup ist die literarische Vorlage des Films.

Es gibt wie üblich einige Unterschiede zwischen Film und Buch. Im Roman

Die Hauptfigur heißt Ram Mohammed Thomas. Er wurde von seiner Mutter ausgesetzt und wuchs in einem Waisenhaus auf.

Ram ist ein 18 jähriger Kellner, der im indischen Fernsehen in der indischen Version von „Wer wird Millionär“ gewinnt. Die Produktionsfirma hat das Geld nicht, und der Moderator versucht, Ram als Betrüger darzustellen. Kurz vor der letzten Frage ertönt das Signal zum Ende der Sendung.

Vor den Toren des Studios wartet die Polizei .

Ram wird gefoltert und gezwungen, sich als Betrüger zu bekennen. Nur seine Anwältin hört ihm zu.

Im Stil des Quiz erzählt Ram in 12 Kapiteln sein entbehrungsreiches Leben.

Ram erzählt über ethnische Spannungen zwischen Hindus, Moslems und Christen. Korruption, Kindesmissbrauch, die soziale Schere zwischen Arm und Reich. Ram ist arm und ohne Schulbildung, aber er schlägt sich mit Glück und Geschick durch.

Der Autor lässt zum Ende jedes Kapitels die Quizfrage stellen, die Ram entsprechend richtig beantwortet. Bildung durch Erlebtes. Learning by doing, neudeutsch.

Auch die entscheidende Frage kann Ram beantworten.

Die Geschichte geht dann gut aus , für mich ein bisschen zu viel Anleihe beim indischen Film.

Aber warum nicht, die Anwältin ist als kleines Mädchen von Ram vor ihrem Vater beschützt worden, Rams Kumpel Salim kann seinen Traum als Schauspieler in Bollywood Filmen erfüllen. Ram bekommt seinen Gewinn, und kann seine Freundin freikaufen . Die bösen Jungs vom Fernsehen machen Pleite.

Der Roman zeigt das Leben in der Unterschicht sehr deutlich, deutlicher als der Film, der einige Themen des Buches einfach ignoriert .

Bei soviel Armut und brutalem Alltag ist es kaum verwunderlich , dass sich die Menschen in die bunte Welt der indischen Filme flüchten.