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MISSION

Eine erste Kritik an einem materialgebundenen Verständnis des Berufes

Der ANL – so werde ich ihn nun abkürzen – entfaltet sich ausgehend von der zentralen Mission der Bibliotheken, wie Lankes & Co sie verstehen:

(Quelle: http://quartz.syr.edu/blog/wp-content/uploads/2015/02/142.png)

Der rote Faden folgt aber nicht ganz der Wortfolge: Mission – Knowledge Creation – Facilitating – Communities – Improve Society – Librarians.

Bei dem ersten Punkt Importance of a Worldview geht es einerseits um grundlegende Theorien, zuerst aber um einen entscheidenden Perspektivwechsel.

In many ways, this entire Atlas is intended to make clear a worldview of librarianship not founded in materials, but outcomes and learning. (p 15)

Dem wird man spontan zustimmen. Doch wie sieht die Praxis aus?

However, look at the budgets that most libraries spend on materials and the activities surrounding them. Between buying, licensing, cataloging, shelving, housing and circulating things, what is left? (ebd.)

Nach wie vor durchsuchen große und gut bezahlte Lektorate den Markt nach dem “Guten Buch”. Allein an der Produktion des Informationsdienstes arbeiten über 80 Institutslektoren und über 300 feste Rezensenten. Kolleginnen, die direkt mit Menschen arbeiten („Sie immer mit Ihren Jugendlichen…“), sind in der Regel deutlich schlechter bezahlt. Unsere Weltsicht ist immer noch sehr materialbezogen. Im Augenblick verkünden wir ja lautstark, dass wir vieles auch digital haben.

Für David steht im Zentrum der Beruf:

I have long contended that a room full of books is simply a closet but an empty room with a librarian in it is a library. (p 16)

Oder wie Kolleginnen in Schweden zu ihrer Verblüffung erfahren haben:

Bibliothekbbinich

„Members Not Patrons or Users.“

Ich werde mich in den folgenden Wochen mit einem außergewöhnlichen Buch auseinandersetzen, dem 2011 erschienenen „The Atlas of New Librarianship“ des an der Universität Syracuse,NY lehrenden Kollegen R. David Lankes. Dies wird keine bibliothekswissenschaftliche Exegese, sondern ein nüchternen Blick auf die hohe Theorie mit den Augen eines Kleinstadtbibliothekars. Das Abarbeiten an diesem – durch die sehr gewöhnungsbedürftige Grafik erst einmal abschreckenden, gar monströs wirkenden – Werk hat mir geholfen, einiges deutlicher zu sehen. Und viele Gedanken sind mir doch sehr vertraut!

Schon auf den ersten Seiten wirft er eine Frage auf, die mich auch schon lange umtreibt: wie nennen wir eigentlich die Leute, die zu uns kommen?

  • Leser? – passt bei 40 % Medienanteil an der Ausleihe nicht mehr so recht
  • Benutzer? – (user) klingt irgendwie nicht so gut
  • Kunden? – (patrons) passt schon besser, aber das legt uns schon auf ein bestimmtes Denken fest, wir bieten auf dem „Markt“ etwas an, die Leute „kaufen“ es (uns ab) oder nicht

David erzählt von einer Kollegin, die etwas Ungeheuerliches tat:

she asked folks in the library what they wanted to be called.

Das erst einmal erstaunliche Ergebnis: „members“, Mitglieder. Beim Lesen fiel mir ein, dass bei der Anmeldung viele sagen, sie möchten gerne Mitglied der Bücherei werden.

So I use member. They are members of a community, a library, or a conversation (and often all three at the same time). (p 8)

Wir werden diese Sprachregelung nun übernehmen. Doch was für ein Denken steht dahinter?